"Das Geschäft mit dem Schrott ist zur Goldgrube geworden"

Das Thurgauer Unternehmen swissRTec ist Spezialist auf dem Gebiet der Aufbereitungstechnologie für Verbundstoff- und Metallabfälle und erzielt beinahe seinen ganzen Umsatz im Ausland. Dem starken Schweizer Franken zum Trotz will Geschäftsführer Mario Zöllig vom Aufschwung der Recyclingbranche in Europa profitieren.

Die Firma swissRTec mit Sitz im thurgauischen Kreuzlingen wurde 2006 gegründet und beschäftigt zehn Mitarbeitende. Sie entwickelt Anlagen für das Recycling von Verbundstoffabfällen und erzielt ihren Umsatz fast gänzlich im Ausland. Obwohl der starke Franken auf ihre Kosten drückt, verkauft sie immer häufiger in europäische Länder, wo sich die Wiederverwertung von Abfällen als höchst lukratives Geschäft innerhalb der Ökobranche erwiesen hat.

Welche Art von Abfällen können Ihre Anlagen bearbeiten?

Mario Zöllig: Wir bauen Komplettanlagen für das Recycling von Elektro- und Elektronikschrott, beispielsweise Computer, Radios, Waschmaschinen oder Mobiltelefone. Die Wiederverwertung dieser Geräte ist zu einem äusserst einträglichen Geschäft geworden. In jedem Stück Kabel befindet sich Kupfer, dessen Preis pro Tonne gegenwärtig rund 6'000 Euro beträgt.

Ist Ihr Unternehmen auf einen bestimmten Anlagentyp spezialisiert?

Zöllig: Das Herzstück unserer E-Schrottanlage bildet die von uns entwickelte Aufschlussmühle. Diese wird komplett in der Schweiz hergestellt und ist durch Patente geschützt. Kupfer, welches z.B. in dünnen Schichten in Leiterplatten oder Kabeln gefunden wird, kann so in einer hohen Reinheit rückgewonnen werden. Im Weiteren haben wir den europäischen Alleinvertrieb für einen Vertikal-Shredder, der in Japan hergestellt wird. Diese spezielle Art der Zerkleinerung - in Europa bisher kaum bekannt - bildet einen weiteren Kernprozess in unseren Anlagen. Diese Maschine verkaufen wir auch für die Zerkleinerung von Metallschrotten oder Sperrmüll.

Wer kauft diese Anlagen?

Zöllig: Zu unseren Auftraggebern gehören Schrotthändler, die neue Einkommensquellen erschliessen möchten, oder auch internationale Elektro- und Elektronikkonzerne, die oft aufgrund gesetzlicher Vorschriften zur Wiederaufbereitung ihrer Abfälle verpflichtet sind.

Wie gross ist die Bedeutung des Schweizer Marktes für Ihren Geschäftsbereich?

Zöllig: Mit 17 kg recyceltem E-Schrott pro Einwohner ist die Schweiz weltweit auf Platz eins. Für uns ist der Schweizer Markt nahezu gesättigt, aber wir modernisieren nach wie vor bestehende Anlagen.

Also verkaufen Sie Ihre Infrastrukturen hauptsächlich ins Ausland?

Zöllig: Das trifft zu. Je nach Jahr und Auftragslage stellen die Exporte bis zu 100% unserer Geschäftstätigkeit dar. Unsere erste Anlage für die Wiederaufbereitung von Elektronikschrott haben wir nach Indien geliefert. Europa ist aber heutzutage unser wichtigster Markt. Derzeit beträgt hier die Vorgabe lediglich 4kg pro Person, doch die Europäische Union hat sich neue Ziele gesetzt. Ab 2019 sollen 85% der auf den Markt gebrachten Geräte recycelt werden. Dies entspricht 20kg pro Kopf: Die Kapazität der Anlagen müsste somit vervierfacht werden. Ausserdem übt die Kommission in Brüssel mit den Umweltnormen Druck auf die Länder Osteuropas aus. In dieser Region bauen wir derzeit unsere bisher modernste Anlage. In den Schwellenländern werden 90% der Abfälle auf sogenannte informale Art und Weise entsorgt. Nur Wertstoffe werden zurückgewonnen. Der Rest bleibt auf offenem Gelände liegen und verursacht entsprechend gravierende Umweltbelastungen.

Inwiefern hat die Frankenstärke ihren Geschäftsgang beeinflusst?

Zöllig: Diese Krise hat uns direkt getroffen. Beispielsweise sind unsere Aufschlussmühlen ein rein schweizerisches Produkt. Folglich mussten wir mit unseren lokalen Lieferanten die Preise neu aushandeln. Selbstverständlich mussten wir auch unsere Marge anpassen. Unsere Mitbewerber sitzen im EU-Raum, und unsere Anlagen werden in der Regel in Euro angeboten und verkauft.

Wie beurteilen Sie die Politik der Schweizerischen Nationalbank?

Zöllig: In unserem Geschäftsfeld zieht sich der Verkauf einer Anlage über mindestens ein Jahr hinweg. Ein stabiler Wechselkurs ist für die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit unserer Offerten unverzichtbar. Wir brauchen diese Sicherheit.

Wie sehen Ihre gegenwärtigen Perspektiven aus?

Zöllig: Die Ergebnisse 2012 sind sehr gut. Durchschnittlich verbuchen wir seit mehreren Jahren ein Wachstum von 25%. Obwohl der starke Franken unsere Margen nachhaltig schmälert, können wir als Firma mit Sitz in der Schweiz dank Innovation und dank des Cleantech-Gedankens in neue Märkte vordringen, namentlich in Asien. Mittelfristig wollen wir uns auch in Nordamerika etablieren.


Informationen

Zur Person/Firma

Mario Zöllig (41) ist ausgebildeter Maschinenbauingenieur, Gründer und CEO von swissRTec. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen tätig. Er ist Experte für Investitionsgüter und auf dem Gebiet der Feststoffabfälle spezialisiert. Er hat sich unter anderem auf die Einführung neuer Techniken in bestehende Produktionsanlagen ausgerichtet.

Letzte Änderung 13.08.2015

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