"Bei Betrug muss man eine Nulltoleranzstrategie verfolgen"

Obwohl viele KMU von Wirtschaftskriminalität betroffen sind, treffen sie oftmals nicht die nötigen Präventionsmassnahmen. Im Gegenteil: Sie verschliessen vor dieser Problematik lieber die Augen.

Unterschlagung von Geldern, überhöhte Spesenabrechnungen, kleine Diebstähle im Economat ... Viele Schweizer Firmen stehen vor dem Problem, dass ihre Mitarbeitenden solche Delikte verüben. Damit diese Verhaltensweisen nicht zur Normalität werden, sollte man sie nicht nur aufdecken, sondern ihnen auch vorbeugen und sie bestrafen. Zwei Experten von PricewaterhouseCoopers, Beat Weber und Dominique Perron, erörtern das heikle Thema.

Welche Arten von Wirtschaftskriminalität sind in der Schweizer KMU-Welt zu beobachten?

Beat Weber: In erster Linie geht es um die Unterschlagung von Geldern, aber es kommt auch zunehmend zu Informatikdelikten wie Industriespionage oder Diebstahl sensibler Daten, beispielsweise in Banken.

Wie reagieren die KMU angesichts dieser Probleme im Vergleich zu den grossen Konzernen?

Dominique Perron: Die multinationalen Konzerne sind sich dieser Problematik stärker bewusst. In den KMU haben die Chefs häufig die Illusion, dass ihnen nichts entgehen kann. Manchmal ist es schwierig, ihnen klar zu machen, dass sie ebenfalls betroffen sind. Wenn sie es dann merken, ist das für sie übrigens eine grosse Enttäuschung. Das ist ein bisschen so, als würde man bei sich zu Hause von einem Familienangehörigen bestohlen werden. Gerade wegen dieser Kultur des Vertrauens sind die Kontrollen in den KMU weniger ausgereift als in den grossen Firmen.

Welche Risiken gehen diese Unternehmen ein?

Perron: Im Falle einer Unterschlagung von Geldern, wenn beispielsweise einer der beiden Partner mit der Kasse abhaut, kann es schlicht und einfach das Ende der Firma bedeuten. Aber auch das Risiko eines Imageschadens ist sehr hoch. Wenn ein Kunde erfährt, dass ein Dienstleister Betrüger unter seinen Angestellten hat, wird er sehr viel misstrauischer sein. Das kann sowohl für Vermögensmanager gelten als auch für einen Malereibetrieb, der mit Arbeiten in einem anderen Unternehmen oder bei einer Privatperson beauftragt wird.

Weber: In einer Firma, in der Betrugsfälle aufgedeckt werden, besteht zudem das Risiko, dass dies auf die Stimmung der anderen Mitarbeiter schlägt, was häufig Auswirkungen auf die Produktivität der Firma oder die gebotenen Leistungen hat.

Wie werden diese Delikte in der Regel entdeckt?

Perron: Meistens entdeckt man es, wenn die Person nicht da ist. Man erhält zum Beispiel Rechnungen einer Firma, die man nicht kennt, und fängt an, Nachforschungen anzustellen. Üblicherweise sind es neue Elemente, die Aufmerksamkeit erregen, wenn zum Beispiel einige Verkäufer hohe Spesenabrechnungen einreichen und andere deutlich niedrigere oder gar keine.

Weber: Mit einem internen Audit können die Methoden natürlich verbessert werden. Doch viele KMU nutzen das nicht, genau wie sie kein Betrugsrisikomanagement betreiben. Darum werden diese Delikte häufig zufällig entdeckt, von aussen oder von innen. Ich würde dennoch sagen, dass das Bewusstsein für diese Themen allmählich auch in den kleinen Firmen wächst.

Wie kann man solchen Taten vorbeugen?

Perron: Idealerweise müsste man bei diesem Thema eine Nulltoleranzstrategie verfolgen. Leider meinen viele Chefs aufgrund der sogenannten Materialitätsschwelle, dass es bei Beträgen von wenigen hundert Franken nicht nötig ist zu handeln. Das öffnet jeglichem Missbrauch Tür und Tor. Darum darf man einen Betrug auf keinen Fall als Kavaliersdelikt ansehen, sondern schlicht und einfach als Straftat. Das ist eine Frage des Images und der Governance. Hinzu kommt, dass bei zehn Angestellten, die jeweils 500 Franken unterschlagen, indem sie Spesenabrechnungen aufrunden, Material stehlen oder sogar Dokumente fälschen, schnell sehr viel höhere Summen zusammenkommen können.

Weber: Wir stellen häufig fest, dass die betroffenen Personen mit kleinen Beträgen anfangen, oftmals aus Versehen. Weil es keine Konsequenzen gibt, machen sie weiter und das Ausmass des Betrugs nimmt zu. Manchmal findet man dieselben Täter in verschiedenen Unternehmen wieder.

Welche Kosten entstehen den Unternehmen?

Weber: Laut unseren Statistiken geht es bei 52% der gemeldeten Vergehen um Summen von weniger als CHF 100'000. Rund 40% sind zwischen CHF 100'000 und CHF 5 Millionen angesiedelt und 4% betreffen Summen von mehr als CHF 5 Millionen. Man muss jedoch wissen, dass diese Zahlen nur das gestohlene Geld beinhalten, nicht aber die Folgekosten im Zusammenhang mit Imageschäden.

Perron: Diese Sachen werden oft vertuscht. In neun von zehn Fällen erfährt ausserhalb der Firma niemand etwas davon, häufig auch nicht einmal innerhalb der Firma. Viele Vergehen werden also nie entdeckt.

Weisen Betrüger ein typisches Profil auf?

Weber: Das können sowohl Personen aus dem oberen Management sein als auch kleine Einkaufsleiter, die sich heimlich von einem anderen Lieferanten beliefern lassen und so den Preis und zugleich die Qualität einer Ware mindern.

Perron: Man hat häufig das Bild eines dynamischen Kaderangestellten zwischen 30 und 45 vor Augen, der sich auf diesem Weg einen bestimmten Lebensstandard ermöglichen will. Aber es kann auch eine Buchhalterin sein, die seit Jahrzehnten in einem örtlichen Betrieb arbeitet und die niemand verdächtigt.

Welche Unterschiede sind beim Thema Betrug zwischen grossen Firmen und KMU zu beobachten?

Weber: In einem multinationalen Konzern ist sowohl die Häufigkeit als auch die Vielfalt deutlich höher. Dort kommt es auch häufiger zu Korruption von Funktionären, bedingt durch die Internationalität der Geschäfte. Doch im Prinzip folgt die Veruntreuung von Geldern überall derselben Logik.

Und wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da? Ist sie stärker oder weniger stark betroffen als die anderen Länder?

Weber: Es ist schwierig, Vergleiche anzustellen. Ich selbst habe keine grossen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern festgestellt. Natürlich kann es bei einer Firma mit Sitz in Afrika eher zu Bestechung im grossen Stil kommen als bei einem Schweizer Unternehmen. Aber es wäre gefährlich anzunehmen, dass unser Land eine Insel ist, die vom Betrug verschont bleibt.

Perron: Man muss auch wissen, dass die Kaufkraft in der Schweiz bei stabilen Löhnen tendenziell sinkt. Das lässt erahnen, dass Betrugsdelikte in den kommenden Jahren zunehmen werden. Doch unabhängig davon wird es aus ethischer Sicht besorgniserregend, wenn man anfängt sich zu fragen, ob es sträflich ist, CHF 50 oder 100 zu klauen. Folglich ist der beste Weg, um zu verhindern, dass sich die Situation zuspitzt, regelmässig Kontrollen durchzuführen, ohne dabei allerdings in eine allgemeine Paranoia zu verfallen.


Informationen

Dominique Perron

Portraitfoto von Dominique Perron, Partner bei PricewaterhouseCoopers und Leiter der Abteilung "Risk Assurance" für die Westschweiz

Dominique Perron ist Partner bei PwC und Leiter der Abteilung "Risk Assurance" für die Westschweiz. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Bereich Audit und hatte unzählige Gelegenheiten, tiefe Einblicke in die raffinierten Muster der Wirtschaftskriminalität zu gewinnen.

Beat Weber

Portraitfoto von Beat Weber, Experte von PricewaterhouseCoopers

Beat Weber ist diplomierter Jurist und hat ein Nachdiplomstudium in Wirtschaftskriminalistik absolviert. Er hat 14 Jahre Erfahrung mit internationalen Ermittlungen bei PwC.

Letzte Änderung 13.08.2015

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