"Mit unserem Analyseansatz kann man die Wertschöpfung in Unternehmen überprüfen"

KMU dabei zu helfen, ihre ökonomische Wertschöpfung zu optimieren, ist das Ziel des Wertschöpfungsnavigators (WSN). Ein Online-Analysetool, welches von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) entwickelt wurde.

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat den Wertschöpfungsnavigator (WSN) entwickelt, um Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit zu erhalten oder zu verbessern. Der WSN ist seit September 2012 frei zugänglich und wurde bisher von mehr als 500 Unternehmen genutzt. Welches Konzept steht hinter dem Tool? Die beiden Projektleiter Gunther Kucza und Stefan Schuppisser erklären es.

Könnten Sie uns bitte erläutern, was genau der Wertschöpfungsnavigator (WSN) ist?

Gunther Kucza: Es handelt sich dabei um ein Online-Analysetool, mit dem ein Unternehmer oder ein Verantwortlicher des Unternehmens schnell und leicht die Wertschöpfung seiner Firma beurteilen kann. Die WSN-Analyse überprüft, ob der Eigner für die Risiken, die er mit seinem Unternehmen eingeht, angemessen entschädigt wird. Zum anderen kann auf der Basis einer Selbstdiagnose praktisch ein "Audit" der Wertschöpfungsaktivitäten vorgenommen werden. Aus den Eingaben ermittelt der WSN dann Optimierungspotenziale bzw. Optimierungsprioritäten für das Unternehmen. Diese Auswertung kann anschliessend als PDF-Dokument gespeichert und vielfältig im Unternehmen genutzt werden.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Stefan Schuppisser: Wir sprechen in erster Linie diejenigen an, die für die Leitung und die Wertschöpfung eines Unternehmens oder einer Geschäftseinheit verantwortlich sind. In der Regel sind das die Firmeninhaber, Verwaltungsräte, Mitglieder der Geschäftsleitung oder die Business Unit Leiter. Der WSN kann für ein gesamtes Unternehmen oder einzelne Geschäftsbereiche eingesetzt werden.

Haben Sie Unternehmen in speziellen Branchen im Blick?

Kucza: Zu Beginn des Analyseprozesses muss der Nutzer u.a. die Branche seines Unternehmens angeben. Die folgende Selbstdiagnose und die Auswertung orientieren sich dann an diesen Angaben. Der WSN richtet sich an alle Arten von Firmen, sei es in der Fertigung, im Handel oder der Dienstleistung. Mit der Idee, die ökonomische Wertschöpfung zu messen, spricht der WSN in erster Linie gewinnorientierte Unternehmen an. Die Parameter zur Selbstdiagnose können jedoch auch für Gesellschaften ohne Gewinnerzielungsabsicht nützlich sein.

Wie kann der Wertschöpfungsnavigator den Schweizer Unternehmerinnen und Unternehmern konkret helfen?

Schuppisser: Er liefert wertvolle Hinweise für die strategische Ausrichtung eines Unternehmens, indem er eine erste solide Diagnose erstellt. Er macht es möglich, das Unternehmen mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Wir hatten zum Beispiel eine Gartenbaufirma, die mit Hilfe des WSN erkannt hat, dass sie sehr auf die Kundenbeziehungen fokussiert war und sich jedoch auch stärker auf die Entwicklung der Kompetenzen ihrer Angestellten konzentrieren sollte.

Kucza: Ein anderes Beispiel ist eine Industriebäckerei, die Wahrnehmungsunterschiede innerhalb der Geschäftsleitung aufdecken konnte, die man in dieser Form nicht vermutet hätte. Jedes Mitglied der Geschäftsleitung hatte individuell eine Selbstdiagnose mit dem WSN durchgeführt. Die Unterschiede konnten anschliessend im Detail besprochen werden. Noch ein Beispiel: Ein IT-Dienstleister im Kanton Zürich plant, unseren Navigator jedes Jahr im Rahmen von Führungs-Workshops einzusetzen. Das Ziel dabei ist, die jährlichen Schwankungen in der Wertschöpfung zu erkennen, und zu sehen, ob das Unternehmen finanziell, strategisch und operativ auf Kurs ist.

Ist das mit einer 360-Grad-Analyse gemeint?

Schuppisser: Der WSN bietet einen gründlichen Einblick in alle Aktivitäten, die ökonomischen Wert schaffen. Die Analyse bezieht sowohl die Finanzen, als auch die Marktaktivitäten, die Prozesse und die Fähigkeiten mit ein. Der Nutzer erhält so einen Überblick über alle Schlüsselfaktoren, die zur Wertschöpfung beitragen. Der Druck im Firmenalltag führt häufig dazu, dass man die Probleme nur mit einem Tunnelblick wahrnimmt.

Ist dieser Service kostenpflichtig?

Kucza: Nein. Es handelt sich um eine ganz und gar kostenlose Initiative ohne Gewinnabsicht. Unser Ziel ist, den WSN einer möglichst grossen Zahl von Unternehmen zugänglich zu machen. Momentan steht der Dienst jedoch erst auf Deutsch zur Verfügung.

Wie können sich Interessierte anmelden?

Schuppisser: Die Nutzung des Analyseinstruments wird auf unserer Website in einem Einführungsvideo Schritt für Schritt erklärt. Man kann sich ganz leicht anmelden, indem man ein Benutzerkonto erstellt und aktiviert. Hinsichtlich des Datenschutzes gelten die höchsten Sicherheitsstandards.

Wie kam die ZHAW auf die Idee, diesen Service zu entwickeln?

Kucza: Die ursprüngliche Idee war, ein leicht zu bedienendes Analyseinstrument zu entwickeln, mit dem Unternehmen ihre Stärken und Schwächen erkennen können. Unser Ziel war, den KMU Leitlinien an die Hand zu geben, um ihnen eine schnelle und kostenlose Standortbestimmung zu ermöglichen. Wichtig ist, dass wir, wenn wir davon sprechen, den Wert eines Unternehmens zu messen, das Augenmerk nicht nur auf den Gewinn richten, sondern auch das eingesetzte Kapital und die Opportunitätskosten berücksichtigen.

Wann haben Sie den WSN lanciert?

Kucza: Unsere Website ist seit September 2012 online. Seitdem wurde unser Einführungsvideo bereits mehr als 1'500 Mal angesehen.

Wie viele Firmen in der Schweiz nutzen den Navigator?

Kucza: Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben ca. 500 Unternehmen unseren Navigator verwendet. Knapp 50 Branchenverbände haben ihre Mitglieder über die Existenz dieses Instruments informiert, zum Teil mit einem Empfehlungs-Link, der direkt auf unsere Website führt.


Informationen

Gunther Kucza

Portraitfoto von Gunther Kucza, Professor für Strategisches Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Leiter des WSN Projektes

Gunther Kucza ist Professor für Strategisches Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und leitet das WSN Projekt. Er hat sich auf den Zusammenhang zwischen strategischem Management und Unternehmensfinanzierung spezialisiert und in verschiedenen Industrieunternehmen in den Bereichen Business Development, Corporate Strategy sowie Fusionen und Übernahmen gearbeitet.

Stefan Schuppisser

Portraitfoto von Stefan Schuppisser, Leiter des WSN Projektes

Stefan Schuppisser ist Dozent für Strategisches Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und leitet das WSN Projekt. Er war über mehrere Jahre als Strategie-Berater für Unternehmen verschiedener Grössen in diversen Branchen tätig.

Letzte Änderung 13.08.2015

Zum Seitenanfang

https://www.kmu.admin.ch/content/kmu/de/home/aktuell/interviews/2013/analyseansatz-kann-wertschoepfung-unternehmen-ueberpruefen.html