"Von uns stammen die Stühle im Bundeshaus"

Das Unternehmen Horgenglarus fertigt seit mehr als 130 Jahren Stühle aus Holz aus dem Jura. Sein neuer Chef Marco Wenger erzählt, wie sein Vorgänger die Marke gerettet hat, als sie kurz vor dem Konkurs stand.

Seit der Gründung im Jahr 1880 ist die Manufaktur Horgenglarus regelrecht zu einer Ikone des Schweizer Designs geworden. Vom Zürcher Bistro über die berühmten Basler Architekten Herzog & de Meuron bis zum Luxushotel in Miami - gerade in schicken Kreisen erfreuen sich die Holzstühle wachsender Beliebtheit, besonders das Modell "classic", das seit 1918 ohne Unterbrechung auf dem Markt ist.

Ende der 1990er Jahre stand die älteste Möbelfabrik der Schweiz mit Sitz in Glarus jedoch am Rand des Bankrotts, da sie einen grossen Schuldenberg angehäuft hatte. Sie wäre sicher nicht mehr am Leben, hätte nicht Markus Landolt 1999 die Firmenleitung übernommen. Der Ökonom war entschlossen, die Marke zu retten, arbeitete rasch eine Kollektion mit erfolgreichen Modellen heraus und setzte auf das traditionelle Know-how des Unternehmens.

Heute ist Horgenglarus vollständig saniert und beschäftigt 45 Angestellte. In seinen Werkstätten werden pro Jahr knapp 20'000 Stühle und mehrere Tausend Tische hergestellt, die vorwiegend an Firmenkunden verkauft werden. Vor Kurzem hat Markus Landolt das Unternehmen verlassen und der 30-jährige Marco Wenger hat als neuer Chef die Nachfolge angetreten.

Wie fühlt man sich, wenn man von einem Tag auf den anderen die Leitung einer Fabrik mit über 130-jähriger Geschichte übernimmt?

Marco Wenger: Ich hatte Zeit, mich darauf vorzubereiten. Ich habe sieben Monate lang an der Seite meines Vorgängers Markus Landolt gearbeitet, bevor er dann Ende September gegangen ist. Er hat mir das Unternehmen in einem hervorragenden Zustand hinterlassen, was die Nachfolge natürlich einfacher gemacht hat. Heute habe ich die Möglichkeit, Entscheidungen alleine zu treffen und umzusetzen, um die Marke voranzubringen. Das ist sehr aufregend.

Haben Sie keine Angst vor den Erwartungen, die in Sie gesetzt werden?

Wenger: Nicht wirklich, denn ich habe nicht vor, die Strategie radikal zu verändern, sondern möchte den Weg weitergehen, den mein Vorgänger eingeleitet hat.

Anfang des 20. Jahrhunderts haben sehr einflussreiche Designer wie Max Bill oder Max Ernst Haefli Stühle für Horgenglarus entworfen. Wie ist es der Marke gelungen, diese bekannten Persönlichkeiten für sich zu gewinnen?

Wenger: Schon gleich nach seiner Gründung im Jahr 1880 hatte Horgenglarus auf dem Schweizer Markt einen Riesenerfolg und ein ausgezeichnetes Image. Die Designer wollten zum einen von dieser Strahlkraft profitieren, vor allem aber auch vom technischen Know-how der Werkstätten in Bezug auf das Arbeiten mit gebogenem Massivholz. Einige Modelle, die damals entwickelt wurden, sind auch heute noch Bestandteil unseres Produktkatalogs.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts haben Sie auch die Stühle für den Bundeshaus in Bern hergestellt.

Wenger: Ja, wir haben die beiden Säle des Nationalrates, des Ständerates und auch das Bundesratszimmer ausgestattet. Auch heute kümmern wir uns übrigens von Zeit zu Zeit um die Restauration dieser Stühle und fertigen auch neue an.

Konnten die Stühle das Gewicht der Parlamentarier bisher gut aushalten?

Wenger: Einmal hat ein Politiker die Lehne seines Stuhls mit seiner Tasche beschädigt, die Teile aus Metall enthielt. Wir haben den Stuhl in unsere Werkstatt in Glarus zurückgeholt und ihn repariert. Abgesehen von diesem Einzelfall haben sich die Parlamentarier insgesamt gut benommen und es gab relativ wenige Schäden.

Welche Fehler hat Ihr Unternehmen begangen, dass es sich Ende der 1990er Jahre an der Schwelle zum Konkurs befand?

Wenger: Damals verfolgte die Firmenleitung keine klare Strategie. Es gab bei Horgenglarus keine feste Kollektion. Die Marke hatte eine Vielzahl verschiedener Modelle im Angebot und entwarf auf Anfrage von Kunden neue Stühle. Diese Verfahrensweise wurde hinsichtlich des Managements zu kompliziert. Markus Landolt fragte sich gleich zu Beginn, wo unsere Schlüsselkompetenzen liegen und welche Modelle für uns wirtschaftlich tragfähig sind. Dann hat er eine Liste von Stühlen erstellt und daraus eine Kollektion gemacht. So hat er es geschafft, die Marke auf dem Markt neu zu positionieren und die Produktion zu rationalisieren.

Er hätte sich auch für eine Auslagerung der Produktion entscheiden können ...

Wenger: Für Markus Landolt war es wichtig, die Qualität auf jeder Produktionsstufe kontrollieren zu können und die Kompetenzen zu nutzen, die sich in unseren Schweizer Werkstätten im Laufe der Jahre angesammelt haben, also die Fertigung per Hand, das Biegen von Massivholz, die Nutzung von hundert Jahre alten Maschinen in Verbindung mit neusten computergesteuerten Technologien. Unternehmen, die Outsourcing betreiben, können die Qualität des Produktes erst überprüfen, wenn es fertig ist. Horgenglarus setzt auf absolut tadellose Qualität. Ich glaube, dass man das unseren Produkten anmerkt. Nehmen wir einmal unser Modell "classic": Wenn hier die Qualität nicht stimmen würde, hätten wir den Stuhl sicher nicht seit 1918 ohne Unterbrechung verkaufen können.

Woher stammt das Holz für die Produkte von Horgenglarus?

Wenger: Wir verwenden Buchenholz aus dem Berner Jura. Die Wachstumsbedingungen in der Schweiz sind hervorragend. Das Holz, das wir verwenden, wächst sehr gerade und gleichmässig, was für die Herstellung von Qualitätsmöbeln eine entscheidende Voraussetzung ist. Ohne das richtige Holz könnten wir keine guten Stühle bauen, so wie es für einen Koch unmöglich ist, leckere Gerichte zuzubereiten, wenn er keine guten Zutaten zur Verfügung hat.

Wie lange dauert die Herstellung eines Horgenglarus-Stuhls?

Wenger: Vom Eintreffen der Bretter bis zum fertigen Produkt vergehen etwa vier Wochen. Das umfasst den Holzzuschnitt, das Biegen, das Trocknen, die Fertigung per Hand und das Lackieren.

Glauben Sie, dass es in der Möbeltischlerei künftig zu einem Fachkräftemangel kommen wird?

Wenger: Meiner Meinung nach ist Holz ein Baustoff mit Zukunft, daher glaube ich nicht, dass es da Probleme geben wird. Bei Horgenglarus messen wir der Weitergabe unseres traditionellen Know-hows an die neuen Generationen besondere Bedeutung bei. Wir haben das Glück, eine gut gemischte Altersstruktur im Team zu haben, was die Sache leichter macht. Unsere Mitarbeiter sind zwischen 22 und 71 Jahren alt. Einer unserer Beschäftigten arbeitet seit 50 Jahren bei Horgenglarus! Er ist schon seit Langem in Rente, kommt aber immer noch jeden Morgen zur Arbeit.

Horgenglarus-Stühle sind relativ teuer (CHF 500 und mehr). Wer sind Ihre Kunden?

Wenger: Wir richten unser Angebot an Firmenkunden und haben Kunden in der Verwaltung, der Gastronomie, der Hotellerie, der Gesundheitsbranche, der Kultur und auch in der Dienstleistungsbranche. Nicht alle unserer Kunden haben viel Geld. Im Gegenteil: Einige kaufen unsere Produkte gerade, weil sie wissen, dass sie ein Leben lang halten können und nicht nach ein paar Jahren ersetzt werden müssen.

Wie viel Prozent Ihres Umsatzes erzielen Sie mit Exporten?

Wenger: Zwischen 5% und 10%. Ich plane, den Export erheblich auszuweiten, besonders nach Deutschland, wo wir gerade trotz der Frankenstärke eine hohe Nachfrage haben.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages Plastikstühle zu produzieren?

Wenger: Nein, wir werden unserer Kernkompetenz, dem gebogenen Holz, treu bleiben.

Was würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern raten?

Wenger: Niemals die Qualität des Produktes zu vernachlässigen. Das ist der wichtigste Faktor, wenn man in der Schweiz ein Unternehmen gründet.


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Letzte Änderung 11.08.2015

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