"Die Ansprüche an die Verwaltungsräte sind gestiegen"

Der Verwaltungsrat spielt im Leben eines Unternehmens eine entscheidende Rolle, und zwar unabhängig von dessen Grösse. Der selbstständige Berater Ronald Germann macht auf die zentrale Bedeutung dieses Entscheidungsorgans aufmerksam.

Von den KMU-Chefs wird die Rolle des Verwaltungsrates häufig kaum oder gar nicht beachtet, dabei ist dieses Organ für ein gutes Unternehmensmanagement von wesentlicher Bedeutung. Seine Zuständigkeiten, zu denen die Kontrolle und die Überprüfung, aber auch die Supervision der Firmenstrategie gehören, bewirken, dass er das Schicksal einer Firma nachhaltig beeinflussen kann, zum Guten wie zum Schlechten. Ein Grund mehr, sich etwas genauer für seine Aufgaben und seine personelle Zusammensetzung zu interessieren.

Welche Rolle und Funktion sollte der Verwaltungsrat eines KMU im Idealfall haben?

Ronald Germann: Der Verwaltungsrat ist primär verantwortlich für die Strategie eines Unternehmens. Diese unübertragbare und unentziehbare Aufgabe und Verpflichtung ergibt sich aus dem Obligationenrecht. In der jüngeren Vergangenheit gab es spektakuläre Medienberichte über Verantwortlichkeitsklagen gegen Unternehmen. Im Rahmen dieser Klagen wird immer wieder betont, dass es eine Kernaufgabe dieses Entscheidungsgremiums sei, entweder selbst eine Strategie für das Unternehmen zu erarbeiten oder aber die von der Geschäftsleitung erarbeitete Strategie kritisch zu überprüfen und zu genehmigen.

Sind sich Schweizer KMU wirklich bewusst, wie wichtig ein guter Verwaltungsrat ist?

Germann: Mir scheint, dass in den letzten Jahren das Bewusstsein dafür, wie wichtig ein guter Verwaltungsrat ist, nicht zuletzt bei den KMU, deutlich zugenommen hat. Ausserdem sind die Ansprüche an dieses Organ gestiegen. Die Zeiten, in denen Verwaltungsräte hauptsächlich repräsentativen oder dekorativen Charakter hatten, sind vorbei.

Was kann ein KMU tun, damit der Verwaltungsrat effizienter wird?

Germann: Zunächst braucht es einen klar definierten Prozess des Strategischen Managements. Ausgehend von Analysen wie der Strategischen Segmentierung sowie Umwelt- und Unternehmensanalysen leitet man über zurDiagnose. In deren Rahmen müssen die kritischen Erfolgsfaktoren und die strategischen Hauptherausforderungen glasklar identifiziert werden.

Überdies ist es wichtig, dass zwischen Geschäftsleitung und Verwaltungsrat Übereinstimmung bezüglich der Beurteilung besteht, welches die strategischen Hauptherausforderungen für das Unternehmen und was die kritischen Erfolgsfaktoren sind, die "matchentscheidend" wirken für einen Erfolg oder Misserfolg in diesem Markt.

In einem zweiten Schritt werden die langfristigen Leitplanken des unternehmerischen Handelns - namentlich Vision, Mission und Grundwerte des Unternehmens - festgelegt sowie die relevanten Marktwahl- und Marktbearbeitungsstrategien definiert und deren Umsetzung konzipiert und initialisiert.

Was ist von KMU zu halten, in denen bestimmte Personen eine Vielzahl von Funktionen innehaben? Ist das für ein Unternehmen nützlich oder schädlich?

Germann: Beides ist denkbar. Nicht selten ist der Mehrheitsaktionär eines KMU zugleich CEO und Verwaltungsratspräsident. Das hat zweifellos seine Vorteile und kann gerade eine typische Stärke der KMU sein. So können zum Beispiel Entscheidungen rasch und unkompliziert getroffen werden.

Aber natürlich birgt eine solche Situation eine gewisse Gefahr, wenn im Verwaltungsrat keine weiteren, unabhängigen und kompetenten Personen vertreten sind, die mit einem nüchternen und kritischen Aussenblick Aspekte einbringen können, die in der Unternehmensführung bis anhin vernachlässigt wurden.

Wie kann der Verwaltungsrat seine Rolle als Kontroll- und Prüforgan bestmöglich erfüllen?

Germann: Es ist wichtig, dass die Verwaltungsräte der Umsetzung der beschlossenen Strategie ein besonderes Augenmerk schenken und nicht einfach davon ausgehen, dass dies Sache des operativen Managements sei und daher nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liege. Zwar ist es zutreffend, dass die Strategie-Umsetzung durch die Geschäftsleitung zu erfolgen hat, aber die Kontrolle und Durchsetzung der geplanten Umsetzung verbleibt in der Verantwortung des Verwaltungsrates.

Dafür ist es erforderlich, dass der Verwaltungsrat ein für das Unternehmen massgeschneidertes Instrument der Strategieumsetzung einsetzt. Zudem muss er sich regelmässig und systematisch von den Mitgliedern der Geschäftsleitung über den Stand der Umsetzung informieren lassen.

Auf der anderen Seite bringt es die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit unseres heutigen Lebens mit sich, dass Strategien viel schneller und häufiger an die veränderten Verhältnisse anzupassen sind, als dies früher der Fall war.

Deshalb ist es unerlässlich, dass sich die Verwaltungsräte zumindest einmal pro Jahr mit der Prämissenkontrolle der Unternehmensstrategie intensiv auseinandersetzen. Dieser Strategie-Review sollte idealerweise ausserhalb der üblichen Sitzungsräumlichkeiten in einem gemeinsam Workshop von Geschäftsleitung und Verwaltungsrat stattfinden, unterstützt durch einen externen Moderator und erfahrenen Strategiecoach.

Hat die Firmengrösse einen Einfluss auf die strategische Rolle des Verwaltungsrates?

Germann: Die Verantwortung des Verwaltungsrates für die Strategie des Unternehmens ist grundsätzlich unabhängig von der Unternehmensgrösse. Doch der Erarbeitungsaufwand und der Detaillierungsgrad einer Strategie nehmen mit der Grösse eines Unternehmens zu. Das heisst nun aber nicht, dass die Essenz einer guten Strategie nicht auf dem viel beschworenen „Bierdeckel" Platz finden kann. Vielmehr ist eine knapp und prägnant formulierte Strategie einem umfangreichen Opus vorzuziehen, da sie einfacher und effizienter zu kommunizieren und umzusetzen ist.

Was würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern hinsichtlich des Verwaltungsratsmanagements raten?

Germann: Erstens empfehle ich, der personellen Zusammensetzung das nötige Augenmerk zu schenken. In diesem wichtigen strategischen Führungsgremium sollte zumindest eine vom Unternehmer unabhängige Person mit kritischem Aussenblick und komplementären Kompetenzen vertreten sein. Zweitens empfehle ich mit Nachdruck, dass die Unternehmensstrategie professionell erarbeitet, systematisch überprüft und konsequent umgesetzt wird. Das ist auch für KMU nicht "nice to have", sondern absolut "need to have".


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Ronald Germann, selbstständiger Berater

Prof. Dr. Ronald Germann (56) ist promovierter Jurist und Professor für Strategisches Management, Marketing und Compliance an der Hochschule Luzern-Wirtschaft sowie selbstständiger Strategieberater. Sein Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften absolvierte er an der Universität Zürich. Heute ist er Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten. Er berät und begleitet KMU in der Deutschschweiz, vor allem in Fragen der Unternehmensstrategie und des Verwaltungsratsmanagements.

Letzte Änderung 11.08.2015

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