"Das Internet hat die Wege, an Gelder zu kommen, verändert"

Michael Borter, Mitgründer der Crowdfunding-Plattform Cashare mit Sitz in Hünenberg (ZG), erklärt die grossen Fragen dieser Branche, die eine Alternative zu Bankkrediten bietet.

Die im Januar 2008 gegründete Firma Cashare, die vier Personen beschäftigt, bietet Privatpersonen die Möglichkeit, sich in einem sicheren Rahmen untereinander Darlehen zu vergeben, bei denen die Kreditnehmer in der Regel tiefere Zinssätze gewährt bekommen als bei Krediten von Banken oder Kreditinstituten. Und den Kreditgebern bieten sich ihrerseits höhere Zinserträge als bei anderen Investments. 2012 lancierte Cashare darüber hinaus eine Finanzierungsplattform für kreative Projekte, die grösstenteils in KMU entwickelt werden. Erläuterungen.

Was für Dienstleistungen bietet Cashare an?

Michael Borter: Wir haben zwei Produkte im Angebot. Seit 2008 stellt Cashare eine "Social Lending"-Plattform zur Verfügung, auf der mehrere Privatpersonen einer anderen Privatperson ein Darlehen ab einem Wert von CHF 200 geben können. Beide Parteien können mit besseren Zinssätzen rechnen als bei einer Bank. Wir kümmern uns um die Transaktionen und gewährleisten eine sichere Abwicklung.

Und das zweite Produkt?

Borter: Seit Juni dieses Jahres bieten wir auf unserer Plattform die Möglichkeit an, kreative Projekte zu finanzieren. Die Initiatoren eines interessanten Projektes, dem es an finanziellen Mitteln fehlt, können der Community ihre Idee präsentieren. Diese finanziert das Projekt mit Mindestbeträgen von CHF 10 und im Gegenzug erhält jeder Unterstützer eine Sachleistung, deren Form meist vom Projekt und von der bereitgestellten Summe abhängt.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Borter: Das können Personen sein, die ein "Taxisharing"-Projekt (wo sich Leute mit ähnlichem Fahrziel zusammentun, um gemeinsam ein Taxi zu nehmen) aufbauen wollen, oder ein Fitness- und Tanzstudio oder auch ein Geschäftsmodell für "Personal Shopping" (persönliche Einkaufsberatung).

Wer sind beim ersten Produkt gewöhnlich die Kreditnehmer?

Borter: Angestellte, die Geld brauchen, um sich ein Auto zu kaufen oder eine Ausbildung zu finanzieren, Unternehmenskader, die eine Finanzierung benötigen, um die Abgeltungssteuern auf erhaltene Bonusaktien zu bezahlen, oder auch Unternehmer, die sich selbstständig machen wollen und nicht warten möchten, bis sie ihr Pensionskassenguthaben ausgezahlt bekommen.

Wie hoch sind die Zinssätze?

Borter: Es gibt die drei Kategorien A, B und C mit Zinssätzen zwischen 5% und 11%. Jeder kann das Profil des Kreditnehmers und die Informationen, die dieser freiwillig angibt, einsehen. Dazu gehören Alter, Nationalität, Bonität oder Versicherungen, die man abgeschlossen hat. Wir möchten das Angebot so transparent wie möglich halten, damit die Geldgeber entscheiden können, ob die Investition für sie gut ist oder nicht. Wir als Firma nehmen wiederum auf jeden Kredit 0,75% vom Kreditgeber wie auch vom Kreditnehmer. Die einzelnen Schritte der Transaktion werden von uns genauestens geprüft.

Was ist mit dem Risiko, dass jemand das geliehene Geld nicht zurückzahlt?

Borter: Das gehört mit dazu. Man muss sich darüber im Klaren sein und sein Portfolio diversifizieren. Allerdings sind durchschnittlich nur 4,5% der Kreditnehmer nicht in der Lage, die Darlehen zurückzuzahlen.

Wie hoch ist Ihr Geschäftsvolumen?

Borter: 2012 haben wir neue Kredite in Höhe von CHF 2 Millionen verbucht.

Wie kam es, dass Sie im Crowdfunding aktiv werden wollten?

Borter: Die Selbstständigkeit war schon immer mein Traum. Nachdem ich mein ganzes bisheriges Berufsleben im Bankensektor verbracht hatte, stellte ich fest, dass das Internet neue Wege für Finanzdienstleistungen eröffnet hat. Früher wandte man sich, wenn man Geld brauchte, an seine Familie oder Freunde oder eben an Banken, die hohe Zinsen nehmen. Mit Crowdfunding hat man die Möglichkeit, sich an Leute zu wenden, die man nicht kennt. Damals kam diese Branche gerade in Schwung und ich sagte mir, dass die Perspektiven hier im Land gut sind. Also habe ich 2008 den Schritt gewagt. Heute ist Cashare die erste Crowdfunding-Plattform in der Schweiz.

Wer sind Ihre Konkurrenten?

Borter: Was Social Lending angeht, sind wir in der Schweiz die einzigen. Weltweit wären es amerikanische Firmen wie Prosper oder Lending Club. Aus Gründen der Finanzregulierung erfolgt dieses Geschäft immer innerhalb des Landes, in dem man lebt. Für die Finanzierung kreativer Projekte könnte man in der Schweiz Firmen wie Wemakeit.ch oder 100-days.net nennen.

Auf welchen Markt wollen Sie sich künftig verstärkt ausrichten?

Borter: Wir wollen uns noch mehr für KMU öffnen. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Eine Bäckerei, die in einen neuen Ofen investieren möchte, könnte ihre Investoren als Gegenleistung täglich mit Brot oder Croissants beliefern. Wir sind gerade dabei, neue Produkte zu entwickeln, die speziell für Kredite an Firmen gedacht sind. Aber man muss wissen, dass hier ein anderes Risiko besteht als bei Privatpersonen: Im Falle eines Konkurses bekommt man nichts zurück.

Was würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern raten, die eine neue Firma aufbauen?

Borter: Das Wichtigste ist, dass man immer an seine Idee glaubt, aber auch bereit ist, sie zu hinterfragen, um sie zu verbessern. Man muss also kritisch bleiben. Und optimistisch, denn die Schwierigkeiten werden nicht auf sich warten lassen...


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Michael Borter, Mitgründer der Crowdfunding-Plattform Cashare mit Sitz in Hünenberg

Michael Borter, Jahrgang 1978, ist Gründungsmitglied der Firma Cashare. Nach einer Lehre mit Berufsmaturität bei Credit Suisse absolviert er ein Fachhochschulstudium in Betriebswirtschaft und arbeitet im Kreditzentrum von UBS. Anschliessend wechselt er zur Bank Vontobel, wo er als Portfolio Manager eingestellt wird. 2005 kehrt er zu Credit Suisse zurück, bevor er sich zwei Jahre später vollständig dem Aufbau von Cashare widmet.

Letzte Änderung 11.08.2015

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