"In der Schweiz sind 95% der übernommenen Firmen 5 Jahre später noch aktiv"

2010 hat die Plattform companymarket.ch, die Hilfe bei der Unternehmensnachfolge bietet, das Portal NEXTmarket ersetzt, das 2007 mit Unterstützung des SECO gegründet worden war und dem Verkauf von KMU diente. Carla Kaufmann, Gesellschafterin bei companymarket.ch, erklärt, wie die Nachfolgeprozesse bei Schweizer KMU ablaufen und welche Rolle ihr Unternehmen dabei spielt.

Worin besteht die Tätigkeit von companymarket.ch?

Carla Kaufmann: Unser Ziel besteht darin, den Markt für Firmenverkäufe transparenter zu machen, indem wir darauf hinweisen, welche Unternehmen zum Verkauf stehen und wie hoch der jeweilige Preis ist. Gemäss einer Studie der Universität St. Gallen werden in den kommenden Jahren 77'000 Unternehmen in der Schweiz mit der Suche nach einem Nachfolger konfrontiert sein. Das sind 20 bis 25% aller Schweizer Unternehmen, also eine äusserst beeindruckende Zahl. Mehr als 195'000 Arbeitsplätze sind davon betroffen. Konkret kümmern wir uns um die Organisation ausserfamiliärer Nachfolgeregelungen und veröffentlichen Verkaufsanzeigen auf unserer Website, die öffentlich zugänglich ist. Bevor wir diesen Dienst aufgebaut haben, wurden die Informationen über Banken, Inserate in den Printmedien oder Mundpropaganda verbreitet. In der Schweiz wurde companymarket.ch in kurzer Zeit zum grössten Portal dieser Art. Pro Halbjahr werden dort rund 300 Anzeigen veröffentlicht.

Ist die Suche nach einem Nachfolger kompliziert?

Kaufmann: Inzwischen sind mehr als 60% der Nachfolgelösungen in der Schweiz nicht mehr auf den Familienkreis beschränkt. Das ist eine neue Entwicklung. Noch vor wenigen Jahren wurden die Firmen von Generation zu Generation weitergegeben. Heute wollen die Kinder nicht immer unbedingt das Geschäft der Eltern weiterführen. Dadurch hat der Markt für Firmenübergaben an Bedeutung gewonnen.

Bekommen die Eigentümer über ein Online-Portal bessere Verkaufsbedingungen?

Kaufmann: Der Preis ist eigentlich selten ein Problem. Wenn man eine vertrauenswürdige Person mit einer guten Unternehmensphilosophie gefunden hat, findet der Verkauf in der Regel zu den Bedingungen des Verkäufers statt. Falls es Schwierigkeiten bei der Finanzierung gibt, können die Banken einen Kredit gewähren. Der ehemalige Besitzer kann auch einen Anteil am Unternehmen behalten. Uns geht es darum, dass sich Personen finden können, die zueinander passen.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Chefs bei einer Nachfolge in erster Linie zu tun?

Kaufmann: In der Schweiz ist das häufigste Problem nach wie vor das Timing. Die Unternehmenseigner gehen das Thema häufig zu spät an und warten, bis sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Sie haben nicht mehr genug Zeit, einen Nachfolger zu suchen, was eine der Ursachen für Komplikationen beim Verkauf darstellt. Nach unseren Rechnungen benötigt man 3 bis 5 Jahre, damit die Firmenübergabe unter optimalen Bedingungen ablaufen kann - von der Klärung der administrativen Angelegenheiten bis zur Suche nach einem Käufer, der wiederum ebenfalls genug Zeit haben muss, um eine beträchtliche Summe Geld aufzubringen. Häufig bleibt der ehemalige Eigentümer noch ein oder zwei Jahre in der Firma, um eine optimale Weiterführung der Geschäfte zu gewährleisten.

Ist nicht gerade das eine schwierige Zeit für den ehemaligen Chef?

Kaufmann: Nicht unbedingt. In der Regel läuft das sogar gut. Nach dem, was uns berichtet wird, sind die ehemaligen Eigentümer schon nach einem Jahr der Ansicht, dass ihre Anwesenheit nicht mehr unbedingt erforderlich ist, und so können sie sich ruhigen Gewissens zurückziehen.

Ist die kontinuierliche Weiterführung des Unternehmens in ihren Augen ein wichtiges Thema?

Kaufmann: Häufig sind es kleine Unternehmen, in denen das Personal ein entscheidenden Faktor ist. Die Beschäftigten sind in eine Struktur von überschaubarer Grösse integriert. Die Firmenchefs legen Wert darauf, dass die Angestellten ihre Arbeitsplätze behalten können. Sie richten ihr Hauptaugenmerk daher auf das Profil des Nachfolgers und darauf, dass für das Unternehmen in der Zukunft Stabilität garantiert wird.

Gibt es viele Menschen, die eine Firma kaufen möchten?

Kaufmann: Man muss wissen, dass das Risiko bei der Übernahme einer Firma wesentlich geringer ist als bei einer Neugründung. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist nicht vergleichbar. In der Schweiz lebt die Hälfte der Start-ups nicht länger als 5 Jahre, während 95% der übernommenen Firmen nach 5 Jahren noch aktiv sind.

Suchen die Käufer eher Unternehmen in einem guten Zustand oder eine Herausforderung mit schwächeren Unternehmen?

Kaufmann: Es gibt beides. Diejenigen, die noch einmal bei Null anfangen möchten, haben jedoch deutlich mehr Schwierigkeiten, an Gelder zu kommen, weil Investoren ungern Risiken eingehen.

Welcher Unternehmenstyp ist bei companymarket.ch besonders stark vertreten?

Kaufmann: 40% der Anzeigen auf unserer Website stammen aus dem Industriesektor. Der Anteil von Unternehmen im Dienstleistungssektor und im Handel ist in etwa gleich hoch.

Wie viel Zeit muss man zwischen dem Erscheinen einer Anzeige und dem Verkauf einplanen?

Kaufmann: Durch unseren Benachrichtigungsservice werden die Käufer direkt informiert, wenn eine Anzeige veröffentlicht wird, die ihren Kriterien entspricht. In der Regel reichen 6 Monate, um einen Kontakt herzustellen. Manchmal bleiben die Anzeigen etwas länger im Netz, zum Beispiel während der Verhandlungen, um zu sehen, ob ein neues interessantes Angebot auftaucht.

Sind die Käufer eher Privatpersonen oder Unternehmen?

Kaufmann: Auf dem Markt gibt es beides. Privatpersonen sind jedoch in der Mehrheit, da einigen Verkäufern die Vorstellung, an die Konkurrenz zu verkaufen, widerstrebt.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Carla Kaufmann, Gesellschafterin bei companymarket.ch

Carla Kaufmann stammt aus einer Unternehmerfamilie und hat an der Universität St. Gallen Rechtswissenschaften studiert. Nach dem Studium arbeitet sie in einer Anwaltskanzlei und bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, bevor sie 2010 beschliesst, sich in einem Team mit vier Geschäftspartnern an das Abenteuer companymarket.ch zu wagen. Gemeinsam übernehmen und modernisieren sie das Portal NEXTmarket und geben ihm einen neuen Namen. Heute ist die 31-Jährige in der Firma für die Bereiche Akquise und Marketing zuständig. Sie hält den Kontakt zu Banken und Treuhändern, um KMU, die einen Nachfolger suchen, auf den Markt zu bringen. Für die Westschweiz arbeitet companymarket.ch mit dem vom Centre Patronal organisierten Portal Relève PME zusammen.

Letzte Änderung 10.08.2015

Zum Seitenanfang

https://www.kmu.admin.ch/content/kmu/de/home/aktuell/interviews/2011/in-schweiz-sind-95-uebernommenen-firmen-5-jahre-spaeter-aktiv.html