"Spezialisierte berufliche Laufbahnen müssen genauso attraktiv werden wie Führungskarrieren"
Schweizer Unternehmen haben zunehmend Schwierigkeiten, ihren Bedarf an Fachkräften im Informatikbereich zu decken. Alain Gut, Präsident von ICT-Berufsbildung Schweiz, erläutert, welche Hebel genutzt werden können, um diesen Mangel zu beheben, ohne dabei allein auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen zu sein.
Die Nachfrage nach Fachkräften im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) bleibt in der Schweiz hoch. 2024 waren 266'000 Personen in diesem Bereich tätig, 3 % mehr als 2022 und 68 % mehr als 2010. Um den zunehmend spezifischen Bedarf zu decken, rekrutieren einige Unternehmen Fachkräfte im Ausland. Andere entscheiden sich dafür, IT-Kompetenzen an ausländischen Standorten aufzubauen, um Zugang zu grösseren Talentpools zu erhalten. Für Alain Gut, Präsident von ICT-Berufsbildung Schweiz, gilt es, ein Gleichgewicht zu finden und gleichzeitig deutlich mehr Fachkräfte im Inland auszubilden.
Welche Möglichkeiten haben Schweizer Unternehmen, um ihre Talente zu halten und mit internationalen Angeboten mitzuhalten?
Gut: Entscheidend ist, sich durch die Qualität des gesamten Arbeitsumfelds abzuheben. Ein Unternehmen, das sich ausschliesslich über den Lohn positioniert, hat kaum eine Chance, denn es wird immer einen Konkurrenten geben, der bereit ist, für ein aussergewöhnliches Talent mehr zu bezahlen. Spezialisierte Laufbahnen müssen deshalb genauso attraktiv werden wie Führungskarrieren. Hervorragende Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Fachspezialistinnen und Fachspezialisten sollten beispielsweise nicht Führungskräfte werden müssen, um mehr Verantwortung, Anerkennung oder eine höhere Vergütung zu erhalten. Es braucht echte technische Karrierewege, die Eigenverantwortung, Flexibilität und die Möglichkeit, technologische Entscheidungen mitzugestalten, honorieren. Unternehmen sollten zudem die interne Mobilität deutlich stärken, um ihren Mitarbeitenden Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.
Ist es eine tragfähige Lösung, spezialisierte Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren?
Alain Gut: Die Schweiz muss weiterhin internationale Talente rekrutieren. Die Zuwanderung kann jedoch nicht die einzige Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Das Land muss seinen eigenen Talentpool stärken. Dazu gehört, mehr Jugendliche für IKT-Lehrberufe zu gewinnen, die Zahl der Lehrstellen zu erhöhen, Quereinsteigenden den Zugang zu diesen Berufen zu ermöglichen und attraktive Weiterbildungsangebote für bereits Berufstätige zu schaffen. Langfristig braucht es einen ausgewogenen Ansatz: internationale Fachkräfte rekrutieren, wenn dies notwendig ist, gleichzeitig aber die Entwicklung von Talenten im Inland deutlich verstärken.
Welche Risiken entstehen für Unternehmen, wenn sie einen Teil ihrer Belegschaft in Informatikstandorte im Ausland verlagern?
Gut: Internationale Informatikzentren können Zugang zu grösseren Talentpools, zusätzlichen Kapazitäten und erheblichen Kostenvorteilen bieten. Ein strategisches Risiko entsteht jedoch, wenn Unternehmen zu viel kritisches Wissen und wichtige Kompetenzen ins Ausland verlagern. Wenn sich das zentrale Ingenieurwissen fast vollständig ausserhalb der Schweiz befindet, können Unternehmen von externen Dienstleistern abhängig werden. Mit der Zeit kann dies auch das Schweizer IKT-Ökosystem schwächen, weil vor Ort weniger Fachkräfte ausgebildet und weiterentwickelt werden.
Inwieweit kann KI diesen Mangel an Informatikfachkräften ausgleichen?
Gut: Künstliche Intelligenz könnte den Fachkräftemangel bei bestimmten Aufgaben reduzieren. Gleichzeitig könnte sie aber auch die Nachfrage nach Personen mit fortgeschrittenen technologischen, analytischen und Governance-Kompetenzen erhöhen. Um dies zu vermeiden, muss insbesondere neu überdacht werden, wie junge Fachkräfte diese Kompetenzen weiterhin erwerben können, wenn Unternehmen zunehmend Aufgaben automatisieren, die traditionell von Berufseinsteigenden und Junior-Fachkräften übernommen wurden. Lernende müssen deshalb lernen, mit KI zu arbeiten, statt mit ihr zu konkurrieren. Grundlegende Kompetenzen wie systemisches Denken, Cybersicherheit, Datenkompetenz, Problemlösungsfähigkeit und das Verständnis für das Zusammenspiel von Technologie und Geschäftstätigkeit werden künftig immer wichtiger.
Welche Rolle wird die Bildung im weiteren Sinne künftig spielen?
Gut: Heute geht es nicht mehr einfach darum, mehr «Informatikerinnen und Informatiker» auszubilden, sondern echte Spezialistinnen und Spezialisten. Es gilt, einerseits dafür zu sorgen, dass die Grundbildung den Lernenden ein solides Fundament vermittelt, und andererseits die höhere Berufsbildung und die Weiterbildung laufend an die Entwicklungen des Arbeitsmarkts anzupassen. So können sich Mitarbeitende während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn spezialisieren. Weiterbildung sollte nicht mehr als gelegentliche Massnahme betrachtet werden, sondern als fester Bestandteil des betrieblichen Geschäftsmodells. Unternehmen sollten ermitteln, welche Kompetenzen sie in den nächsten drei bis fünf Jahren tatsächlich benötigen, und diese mit den bereits intern vorhandenen Kompetenzen abgleichen, um bei Bedarf entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Mitarbeitende, deren aktuelle Aufgaben bereits an bestimmte Spezialfunktionen angrenzen, können häufig gezielt für diese Funktionen weitergebildet werden. Das geht deutlich schneller, als gleichwertige Fachkräfte extern zu rekrutieren.
