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"Irgendwann fiel der Groschen – warum nicht Konsumenten im Laden per Handy und Internet beim Kauf unterstützen?"

Gute Ideen entstehen oft aus marktnahen Situationen. Beispiel Supermarkt: Sie stehen ratlos am Weinregal und sollten aus einer grossen Anzahl Flaschen die für Sie richtige wählen. Nützlich wären da Informationen, welche den Kaufentscheid erleichtern würden. Die ETH-Doktoranden Felix von Reischach und Stephan Karpischek entwickelten ein entsprechendes Mobile-Projekt. Nun wollen sie es zum Geschäftsmodell ausbauen.

Sie entwickeln zusammen mit Ihrem Partner Stephan Karpischek ein Informationstechnologie-Projekt, bei welchem am Verkaufspunkt mittels Handy Informationen zum Kaufentscheid abgerufen werden können. Was steckt hinter dieser Idee?

Felix von Reischach: Die Kernidee ist, Konsumenten bessere Kaufentscheidungen zu ermöglichen. Beim Einkauf sind Konsumenten oft von der Produktvielfalt erschlagen. Aber gleichzeitig sind die Informationen, welche die Konsumenten im Laden zur Verfügung gestellt bekommen, sehr begrenzt. Wenn ich heute beispielsweise im Supermarkt einen Wein auswählen möchte, muss ich aus über 300 Flaschen den richtigen wählen. Das alleine wäre ja schon schwierig genug, aber worauf soll ich meine Entscheidung basieren? Ich kann keinen einzigen der Weine probieren, bevor ich ihn kaufe.

Unsere Geschäftsidee sieht vor, dass Konsumenten mit der Handykamera den Barcode von Produkten scannen und dann gezielte Unterstützung über das Internet erhalten. Im Falle von Wein könnten Konsumenten beispielsweise Erfahrungsberichte von anderen Konsumenten abrufen.

Am Gestell im Laden stehen und beim Kauf beraten zu werden. Wie kamen Sie zu dieser bestechenden Idee?

von Reischach: Wir wissen aus der Literatur, dass der Kaufprozess sehr komplex und schwer zu erforschen ist. Konsumenten suchen je nach Artikel mehr oder weniger ausführlich nach Informationen, bevor sie ein Produkt kaufen. Machen Sie selbst die Probe. Wenn Sie beispielsweise eine neue Digitalkamera kaufen wollen, dann suchen Sie vielleicht doch zuerst zuhause im Internet nach Informationen zu einigen Modellen. Das nennt man in der Fachsprache "Multi-Channel Shopping".

Irgendwann fiel der Groschen - warum nicht Konsumenten im Laden per Handy und Internet beim Kauf unterstützen? Heute trägt ja fast jeder Konsument sein Mobiltelefon ständig bei sich, zudem können sich mehr und mehr Geräte zu günstigen Preisen mit dem Internet verbinden. Daher kann der Informationssuchende mittels seiner Handykamera die auf den meisten Produkten sichtbaren Barcodes scannen und erhält dann direkt am Verkaufspunkt die gewünschten Informationen zur Kaufauswahl auf sein Handy übermittelt.

Haben Sie schon einen Namen dafür?

Stephan Karpischek: Das Projekt hat noch keinen endgültigen Namen. Momentan operieren wir unter dem Firmennamen MTTM. Das steht für Mobile Technologies for Transparent Markets. Wir sehen das aber eher als einen "Arbeitstitel" an.

Wie und seit wann entwickeln Sie diese innovative Anwendung?

von Reischach: Stephan Karpischek und ich haben unabhängig voneinander seit etwa 3 Jahren an diesem und verwandten Themen geforscht. Stephan Karpischek an der University of Arts in Berlin und ich unter der Betreuung von Dr. Florian Michahelles und Prof. Dr. Elgar Fleisch an der ETH Zürich. Seit rund 6 Monaten ist Stephan Karpischek nun auch an der ETH Zürich und wir arbeiten seitdem zu viert im Team an der Erforschung und Umsetzung der Idee.

Wo stehen Sie heute auf dem Weg von der Idee zur Vermarktung?

Karpischek: Bisher fokussierten wir uns hauptsächlich auf die Forschung, obwohl wir schon lange wussten, dass in der Idee ein beträchtliches Marktpotential liegt. Wir zogen es aber vor, erst genauer hinzuschauen, bevor wir uns in Richtung Markt hinwenden. Seit einigen Monaten geht es nun aber mit viel Schwung in Richtung Kommerzialisierung. Dennoch würde ich sagen, wir stehen, relativ gesehen, erst am Anfang dieser Reise.

Wo liegen die Knackpunkte in der Entwicklungsgeschichte?

von Reischach: Ein kritischer Punkt ist sicherlich der Markt. Konsumenten nutzen heute im Web und mehr und mehr auch auf dem Mobiltelefon primär gerne Anwendungen. Die wenigsten wollen aber für solche Services bezahlen. Das ist vermutlich der grösste Knackpunkt der Entwicklung.

Wie wollen Sie diesen Punkt überwinden?

Karpischek: Wir führen Gespräche mit potentiellen Partnern um herauszufinden, wer denn noch Interesse hat an dem, was wir hier vorhaben. Auch interessiert uns, wie sich denn das für die einzelnen Akteure auswirkt, wenn Konsumenten plötzlich im Laden Produktinformationen über das Internet abrufen?

Mit welchen finanziellen Mitteln entwickeln Sie Ihre Geschäftsidee?

von Reischach: Bisher waren wir als reine Forscher tätig. Wir arbeiten aber intensiv daran, das nötige Kapital für die Firmengründung und Umsetzung zu beschaffen. Ein viel versprechendes Tool sind dabei Ideenwettbewerbe, wie beispielsweise VentureKick und Venture2010.

Wie wollen Sie Geld beschaffen, ohne Ihre Idee zu verkaufen, respektive wenn Sie weiterhin federführend im Projekt tätig sein wollen?

Karpischek: Bisher lässt sich Unternehmertum und Forschung sehr gut vereinen. Es ist aber absehbar, dass wir mittelfristig externes Kapital brauchen, um die Idee in grossem Stile am Markt umzusetzen.

Am Schluss zählt das Geld in der Kasse. Welches Geschäftsmodell steht bei Ihnen im Vordergrund?

von Reischach: In erster Linie wollen wir Konsumenten gerne bessere Kaufentscheidungen ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir natürlich auch schauen, woraus wir uns finanzieren. Klar ist jedoch auch: Falls Geld aus Geschäftskunden-Quellen kommt, wird das nie zu Lasten der Unabhängigkeit unseres Services und so zu Lasten des Nutzers gehen. Das ist unsere Maxime.

Sie sind ETH-Doktoranden. Wie erlern(t)en Sie den Unternehmerberuf?

Karpischek: Die Schweiz im Allgemeinen und die ETH Zürich im Speziellen bieten ein hervorragendes Umfeld, um unternehmerisch tätig zu werden. Ich habe beispielsweise den Venture Challenge Kurs besucht, gemeinsam organisiert von VentureLab und der ETH Zürich. Ausserdem beantragen wir gerade KTI Coaching, um uns während der Umsetzung kontinuierlich beraten zu lassen. Nicht zuletzt können wir auch in unternehmerischer Hinsicht von unserem Professor noch das eine oder andere lernen. Immerhin hat er schon mehrere erfolgreiche Spin-offs gegründet.

Obwohl erst am Anfang der Unternehmerkarriere stehend: Welchen Rat geben Sie Personen, die wie Sie eine Idee als künftiges Geschäftsmodell entwickeln wollen?

von Reischach: Just do it! Mit gesundem Menschenverstand Schritt für Schritt gehen. Und wie immer es auch ausgehen mag: Ich denke, dass gute Ideen in Kombination mit einer Portion Fleiss immer auf irgendeine Weise belohnt werden.

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Interview

Felix von Reischach (links) und Stephan Karpischek, ETH Doktoranden und Jungunternehmer
Felix von Reischach (links) und Stephan Karpischek, ETH Doktoranden und Jungunternehmer

Zur Person/Institution

Felix von Reischach studierte an der Universität Mannheim und der University of Sydney in Australien Wirtschaftsinformatik und ist seit knapp drei Jahren Doktorand an der ETH Zürich und bei SAP Research in Zürich. Dort erforscht er mobile produktbezogene Anwendungen, insbesondere in Bezug auf deren User Experience. Er ist Verfasser einer Vielzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen in diesem Bereich und hat zwei Patentanmeldungen ausstehend. Wenn er nicht gerade forscht oder unternehmerisch tätig ist, widmet er sich seinem Hobby Rugby.
Stephan Karpischek studierte an der Universität der Künste Berlin und erwarb sich ein Diplom in Electronic Business. Mehr als zehn Jahre arbeitete er als selbstständiger Internet-Technologe in Berlin und Wien im Bereich Software-Entwicklung und Projekt-Management und begründete mehrere Start-up- und Internet-Projekte mit. Seit Oktober 2008 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Auto-ID Lab der ETH Zürich/St. Gallen tätig. Die Auto-ID Labs sind ein unabhängiges Netz von derzeit sieben universitären Forschungslabors, welche sich der Forschung und Entwicklung neuer Technologien für den globalen Handel widmen.