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Zu Befehl, Herr General!

Wutausbrüche, Druck, Erniedrigungen: Einige CEOs schüren in ihren Unternehmen bewusst ein Klima der Angst. Ist die Methode erfolgreich?

Die ganze Welt trauerte, als der Unternehmer und Visionär Steve Jobs vor kurzer Zeit verstarb. Der Apple-Chef war ein grosser Innovator. Durch seine Impulse hielt die Technologie Einzug in unsere Freizeit. Dank Steve Jobs wurde Hardware simpel, schön, und spassig.

Neben den vielen Würdigungen erwähnten die Nachrufe jedoch auch die weniger erfreulichen Seiten von Jobs Persönlichkeit. So wurde er als aufbrausend und tyrannisch  beschrieben, sowie als fähig, Mitarbeiter aus nichtigem Grund zu entlassen. Guerrino De Luca, Direktor von Logitech und früherer Apple-Mitarbeiter, brachte es in der Zeitung "Le Temps" auf den Punkt: "Er trieb uns an den äussersten Rand unserer Kräfte, um aus uns die besten Ideen herauszuholen. Druck war eine Konstante seines Führungsstils. Nicht wenige Mitarbeiter fielen dadurch in schwere Depressionen."

Dieses despotische Führungsverhalten steht in deutlichem Widerspruch zur aktuellen Managementlehre, die für das Konzept des Soft Management eintritt, das sich in den grossen Unternehmen seit einigen Jahren zunehmend durchsetzt: Eigeninitiative der Mitarbeiter ist erwünscht, hierarchische Strukturen werden nach Möglichkeit abgebaut. Jeder soll sich nach seinen Wünschen entwickeln können. Mit zahlreichen Angeboten sorgt man sich um das Wohl der Belegschaft: Gesundheitsleistungen, betriebseigene Kinderkrippen und Supermärkte usw.

Hinter dieser Art der Personalführung, die eine Anpassung an die liberaleren Gesellschaftsformen der Gegenwart darstellt, stehen allerdings weder Naivität noch Nächstenliebe. Die heutigen Managementtheorien lehren, dass Mitarbeiter, die sich eingebunden fühlen, eine viel grössere Verbundenheit mit dem Unternehmen entwickelten als solche, die sich in ein Korsett gezwängt fühlen. Zudem führe ein Arbeitsklima, in dem nicht die Angst regiert, zu einer höheren Produktivität.

Ausraster, Einschüchterungen und fristlose Entlassungen scheinen die Apple-Mitarbeiter nicht daran gehindert zu haben, ihren Chef zu vergöttern. Gemäss einer Studie der Marktforschungsfirma Vault aus dem Jahre 2005 wurden zwar vereinzelte Stimmen laut, die den hohen Personalwechsel beklagten. Jemand soll sogar von einem "Angstklima" gesprochen haben, das der CEO bewusst erzeugt habe. Alles in allem überwiege aber das Gefühl, für ein "spezielles" und "spannendes" Unternehmen zu arbeiten. Es ist, als hätte die Aura der Marke und ihrer Produkte genügt, um das angespannte Arbeitklima vergessen zu machen.

"Jenseits von "soft" und "hard" ist Konsequenz besonders wichtig", erklärt im Magazin Swissquote Lorenzo Pestalozzi, Direktor des Management-Ausbildungszentrums CRPM in Lausanne. "Wenn Sie klar signalisieren, dass Sie hoch hinaus wollen und entsprechend hohe Anforderungen stellen, werden Sie Mitarbeiter finden, die eine besondere Herausforderung suchen und somit gewillt sind, Ihnen auf Ihrem Weg zu folgen. Beispielsweise konnte Steve Jobs, der stets nach absoluter Perfektion trachtete, mit seiner Persönlichkeit Menschen faszinieren und an sich binden. Dadurch entstand eine Art von Glauben, der es möglich machte, über respektloses Verhalten hinwegzusehen."

Wenn es einem Unternehmer gelingt, die Mitarbeiter von seiner Vision zu überzeugen, werden sie trotz aller Strapazen treu hinter ihm stehen. Zuweilen wird der Chef zum Guru oder gar zum Messias, und aus dem Beruf wird die Berufung, ihm zu folgen. Für die Schweiz wäre hier das Beispiel des verstorbenen Nicolas Hayek zu nennen. Dieser Archetypus eines Chefs mit genialen Intuitionen gilt hierzulande als Retter der Uhrenindustrie, ist aber auch wegen seines herrischen Charakters und seines Anspruchs auf Allwissenheit bekannt. "In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Swatch Group aus dem Zusammenschluss der beiden Uhrenfirmen ASUAG und SSIH hervorging. Die früheren Konkurrenten hatten zunächst keineswegs die gleichen Ansichten. Überall gab es Doppelspurigkeiten. Um die beiden Unternehmenskulturen zusammenzubringen, brauchte es das entschiedene Vorgehen einer starken Persönlichkeit", befindet Alain Spinedi, ehemaliger Swatch-Group-Mitarbeiter und heutiger CEO der Marke Louis Erard.

Kennzeichnend für viele Firmen ist neben diesem Sowohl-als-Auch ein besonders hoher Erfolgsdruck. So sind etwa Apple und Novartis für ihre überdurchschnittlich grosse Personalfluktuation bekannt. "Nicht jeder hält dieser Belastung stand", bescheinigt Robert Hooijberg, Dozent für Organizational Behaviour am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Ein charismatischer oder zumindest geradliniger Vorgesetzter kann dazu beitragen, dass der Druck auszuhalten ist. Ihre narzisstischen Wesenszüge und denkwürdigen Wutanfälle vermochten Nicolas Hayek und Steve Jobs dadurch wettzumachen, dass sie ihren Angestellten das Gefühl gaben, Teil eines ganz besonderen Unternehmens zu sein.

Obwohl etliche Mitarbeiter die Swatch Group überstürzt und im Streit verliessen, hielten einige Schlüsselfiguren des Unternehmens Nicolas Hayek genau deswegen stets die Treue. Lorenzo Pestalozzi vom CRPM findet, "solange man nicht in den Bereich des "Trash Managements" verfällt, in dem Doppelzüngigkeit, Heuchelei und Inkohärenz dominieren, kann "Hard Management" durchaus funktionieren. Hauptsache, man gibt einen klaren Kurs vor, an den man sich auch selbst hält."
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Zuletzt aktualisiert am: 04.04.2012

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Wann macht Hard Management Sinn?

Robert Hooijberg, Dozent für Organizational Behaviour am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne, meint auch, dass es Zeiten für das "Soft Management" und Zeiten für das "Hard Management" gebe: "Unternehmer sollten beide Managementformen kombinieren. Um eine Strategie zu entwickeln, muss man die Mitarbeiter einbinden und den Dialog mit ihnen suchen. Steht der Entscheid einmal fest, gibt es nichts mehr zu diskutieren: Er wird umgesetzt." Ausserdem gibt es Elemente, die ein für alle Mal gegeben sind, wie etwa die Tatsache, dass Apple-Produkte benutzerfreundlich sein müssen. "Weil er genau in diesem Bereich unnachgiebig war, konnte Steve Jobs seine Ziele erreichen", sagt der niederländische Professor.