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Vom Lehrling zum CEO: Ist so ein Werdegang noch möglich?

Viele Schweizer Firmenchefs haben mit einer dualen Ausbildung angefangen. Kann man es aber mit einer einfachen Lehre heute immer noch an die Spitze schaffen? Expertinnen und Experten erörtern die unterschiedlichen Standpunkte zu dieser Ausbildungsform, die einen grundlegenden Wandel erfährt.

Wie schön es doch früher war! Damals konnte man seine Karriere als einfacher Lehrling beginnen und sich aus eigener Kraft bis an die Spitze hocharbeiten. Ist es in der Schweiz heute tatsächlich nicht mehr möglich, mit einem einfachen EFZ in die Chefetage aufzusteigen? Dass viele heutige CEO eine duale Ausbildung abgeschlossen haben, lässt eher das Gegenteil vermuten: Sergio Ermotti, CEO von UBS, oder Monika Walser, CEO von Freitag, um nur einige zu nennen.

Die Expertinnen und Experten sagen jedoch ganz klar: Bis auf wenige Ausnahmen ist eine Lehre nicht mehr ausreichend. "Ein Headhunter wird sich kaum für eine Führungskraft interessieren, die nur ein EFZ hat", macht Eva von Rohr, Leiterin der Karriereberatung Von Rohr, im PME Magazine deutlich. "Die Berufe und Aufgaben sind komplexer geworden und ab einer gewissen Hierarchiestufe sind akademische Kenntnisse inzwischen unerlässlich. Hingegen ist es problemlos möglich, seine berufliche Laufbahn mit einer Lehre zu beginnen und seine Ausbildung anschliessend mit einem Universitätsabschluss zu ergänzen." Grégoire Evéquoz, Generaldirektor des Büros für Aus- und Weiterbildung des Kantons Genf, geht sogar noch einen Schritt weiter: "Heute öffnet einem kein grundständiges Diplom mehr die Tür zur Chefetage. Dorthin kann man nur mit einer Weiterbildung gelangen."

Eine Studie mit dem Titel "100 Things You Need to Know: Best Practices for Managers & HR" belegt, dass die entscheidende Eigenschaft auf dem Weg zum Gipfel inzwischen die "Learning Agility" ist, d. h. die Fähigkeit und Bereitschaft, in verschiedenen Bereichen möglichst rasch neue Kompetenzen zu entwickeln. Das sei weit wichtiger als akademisches Wissen, technische Fähigkeiten, Berufserfahrung oder sogar Intelligenz.

Lehrlinge sind heute reifer und ehrgeiziger

"Die Lehre ist heute eine sekundäre Berufsbildung wie andere auch", so die Analyse von Grégoire Evéquoz. "Dank der vielen Übergangsmöglichkeiten, die es in der Schweiz gibt, kann ein Kochlehrling eine Berufsmaturität erlangen und später an einer Hotelfachschule studieren. Mit einer Berufsmaturität und einem Übergangsjahr in der Passerelle kann ein kaufmännischer Angestellter an die Universität gehen und sogar promovieren! Heute ist jeder Werdegang möglich."

Während die Lehre früher als eigenständiges Ziel angesehen wurde, wandelt sie sich also heute einfach zu einem von vielen Schritten auf dem Berufsweg. "Übrigens ist das Durchschnittsalter der Lehrlinge gestiegen", erklärt Blaise Matthey, Direktor der Fédération des entreprises romandes (Verband der Westschweizer Unternehmen). "Immer mehr beginnen eine EFZ-Ausbildung nach der Matura."

Mehrere Expertinnen und Experten beobachten, dass das Interesse an einer Lehre in den letzten Jahren zugenommen hat: "In erster Linie wird eine erhöhte Begeisterung für handwerkliche Berufe erkennbar", stellt Grégoire Evéquoz fest. "Es ist nicht selten, dass sich ein junger Akademiker für eine Schreinerlehre entscheidet. Eine Lehre ist immer noch der beste Einstieg in den Beruf. Die fertig ausgebildeten Lehrlinge wurden bereits mit der harten Arbeitswelt konfrontiert und sind häufig reifer als die Akademiker und haben zudem einen anderen Ehrgeiz und ein anderes Interesse an der Arbeit. Einige haben auch viel konkretere Berufsziele."

Für Eva von Rohr besteht der grosse Vorteil der dualen Ausbildung darin, dass die Jugendlichen dadurch schnell verstehen, wie Unternehmen und Beziehungen in der Arbeitswelt funktionieren: "Während sich ein Akademiker der Berufswelt häufig erst mit 25 oder älter aussetzt, häuft ein junger Lehrling in diesem Bereich viel mehr Wissen an. Diese früh erworbenen zwischenmenschlichen Kompetenzen sind in einigen Dienstleistungsbranchen wie zum Beispiel im Bankwesen äusserst wichtig."

Auf jeden Fall scheint die duale Ausbildung bei den jungen Schweizerinnen und Schweizern immer beliebter zu werden: Aus dem "Jugendbarometer" der Credit Suisse geht hervor, dass weniger als 40% von ihnen glauben, eine universitäre Ausbildung sei das bessere Rüstzeug für den beruflichen Erfolg. 77% sind der Ansicht, dass einem mit einer Lehre alle Wege offenstehen.
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Zuletzt aktualisiert am: 07.03.2012

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Monika Walser, Schneiderin, leitet heute die Firma Freitag

Die quirlige CEO des Zürcher KMU Freitag konnte schon als Jugendliche nicht still sitzen. Nach einer Schneiderlehre startete Monika Walser, die aus einer Aargauer Unternehmerfamilie stammt, ihre Karriere. Mit 46 Jahren kann sich die Stoff-Fanatikerin mit einem beeindruckenden Werdegang brüsten: 1995 gründete sie Waega Group, eine Firma, die Unternehmensgründungen unterstützt und die sie bis heute leitet. Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaft in den USA und im Tessin und einem MBA am Insead Fontainebleau kaufte sie ein Unternehmen, das Kinderkleidung herstellt, und steigerte die Produktion um ein Vielfaches. Vor ihrem Einstieg bei Freitag im Jahr 2009 war sie als Kommunikationsleiterin beim Telefonanbieter Diax tätig und arbeitete als Pressesprecherin von Swissgrid.